Tipps zur Examensvorbereitung

von Johannes Herb und Rudi Lang, wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Bayreuth

 

Teil 2: Das eigenständige Lernen

Egal, ob kommerzielles Repetitorium oder vollständig eigenständige Vorbereitung, um das (mehr oder weniger) selbstständige Erarbeiten des Lernstoffes wird in der Examensvorbereitung niemand herumkommen. Vorab sei gesagt, dass allgemeingültige Aussagen in diesem Bereich wegen der Eigenheiten eines jeden Menschen besonders schwer zu treffen sind. Daher geht es hier vor allem darum, mögliche Optionen aufzuzeigen. Wichtig ist es in jedem Fall, sich selbst ein Bild zu machen und eine bewusste Entscheidung hinsichtlich der ausgewählten Materialien und der eigenen Herangehensweise zu treffen. Die nachfolgenden Ausführungen beschränken sich daher auf einige Grundsatzfragen, die man für sein individuelles Lernen beantworten sollte.

 

1. Wann mit der Examensvorbereitung beginnen?

Bevor man sich den inhaltlichen Fragen der Examensvorbereitung zuwendet, sollte man zunächst klären, wann es denn eigentlich mit der Examensvorbereitung losgehen soll. Vorab: Den richtigen Zeitpunkt, mit der Examensvorbereitung zu beginnen, gibt es (leider) nicht. Wenn man in den Grundlagenfächern des Studiums sehr gut gearbeitet hat, spricht nichts dagegen, schon „früh“ mit der Examensvorbereitung zu beginnen, etwa (in meinem Fall) im 5. Semester. Bei der Einschätzung, wie gut man den Stoff bereits verinnerlicht hat, sollte man ehrlich zu sich selbst sein und nicht nur die Abschlussnote einer Klausur einbeziehen, da hier des Öfteren viele Themen eines Rechtsgebiets ausgeschlossen werden. Ich etwa habe im Zivilrecht meine besten Klausurergebnisse erzielt, wusste aber zugleich, dass dort meine größten Lücken klafften. Vor der weit verbreiteten Praxis, sich erst vollständig dem Schwerpunkt und danach dem Pflichtstoff zu widmen, möchte ich warnen. Während des Schwerpunkts die Füße hochzulegen, wird sich in der Examensvorbereitung negativ bemerkbar machen. Man sollte nicht vergessen, dass man am Ende – zumindest für den Einstieg in die Berufspraxis – an den Ergebnissen der staatlichen Pflichtfachprüfung(en) gemessen wird. Das mag man gut oder schlecht finden, jedenfalls sollte es als Maßstab für die eigene Zeiteinteilung nicht aus den Augen verloren werden. Damit möchte ich keinesfalls von einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Schwerpunktbereich abraten, schließlich ist allein der psychologische Effekt, hier mit einer (in der Regel) guten Vorleistung ins Examen zu gehen, nicht zu vernachlässigen. Gleichwohl spricht nichts dagegen, parallel den Pflichtfachstoff nachzuarbeiten oder sogar schon mit der Examensvorbereitung zu beginnen. Dabei sollte aber stets der gewählte Schwerpunktbereich berücksichtigt werden. Weist dieser nur sehr geringe Schnittmengen mit dem Pflichtstoff auf und/oder ist sehr zeitaufwändig, kann eine parallellaufende Examensvorbereitung nur schwerlich ertragreich sein und kostet viel Kraft. Nie jedoch sollte der Pflichtstoff während des Schwerpunktstudiums komplett ausgeblendet werden.

 

2. Dauer des Examensvorbereitung

Die Dauer der Examensvorbereitung sollte ein Jahr nicht unter- und zwei Jahre nicht überschreiten. Egal wie „fit“ man zu Beginn der Examensvorbereitung ist, unter einem Jahr ist die zu bewältigende Stoffmenge in der Tiefe kaum zu durchdringen (wobei es hier selbstverständlich Ausnahmen gibt, die man jedoch als Bestätigung der Regel verstehen sollte). Ebenso rate ich davon ab, die Examensvorbereitung unnötig in die Länge zu ziehen. Man wird sich auch bei exzellenter Vorbereitung kurz vor dem angepeilten Examenstermin nie bestens vorbereitet fühlen. Jedes halbe Jahr, das man dranhängt, ist auch ein halbes Jahr, in dem man bereits Erlerntes wieder vergisst.

 

3. Abstrakt vs. Konkret

Fälle oder Lehrbuch? Eine der wesentlichen Weichenstellungen für das eigene Lernen betrifft die Frage, ob man sich dem Stoff anhand konkreter Fälle oder abstrakter Ausführungen nähert. Beide Ansätze haben ihre Vor- und Nachteile. Fälle haben neben der Erarbeitung des Stoffs den positiven Nebeneffekt, zugleich die Klausurpraxis näher zu bringen (dazu ausführlich Teil 1). Lehrbücher können hingegen ein umfassendes, fallunabhängiges Wissen vermitteln. Man sollte auf seine eigenen Erfahrungen aus dem Studium vertrauen: Wer beispielsweise bislang sehr gut mit Lehrbüchern gearbeitet hat, sollte diese Gewohnheit nicht anlässlich der Examensvorbereitung aufgeben. Auch umgekehrt sollte man sich bei entsprechenden Erfolgen in der Vergangenheit nicht scheuen, einen fallbasierten Ansatz auch in der Examensvorbereitung weiterzuverfolgen. Natürlich sind Fälle nur insoweit sinnvoll, als zumindest einige Basics für die Falllösung bereits beherrscht werden. Wem es trotz des Durchlaufens der Grundphase des Studiums schon hieran fehlt, der sollte zuerst ein einschlägiges Lehrbuch konsultieren. Ich meine jedoch, dass es keinesfalls zwingend ist, akribisch für jedes Rechtsgebiet ein Standard-Lehrbuch von vorne bis hinten durchzuarbeiten. Gewiss, wenn man ein „Lehrbuch-Typ“ ist, sollte man dies wohl dennoch tun. Wenn man jedoch – wie ich selbst – Lehrbüchern nicht allzu viel abgewinnen kann, sollte man sich auch nicht auf Teufel komm raus dazu zwingen, mit diesen zu arbeiten. Es kann für randständige Rechtsgebiete – etwa das Arbeitsrecht – auch ausreichen, ein Kurzskript heranzuziehen oder sich gar den begrenzten Prüfungsstoff nur mit Fällen zu erarbeiten, da sich die im Examen abgeprüften Problemkreise im Regelfall wiederholen. Zusammenfassend gilt also hinsichtlich der Grundentscheidung abstrakt vs. konkret wie so oft: Es kommt drauf an.

 

4. Welche Unterlagen?

Im Zusammenhang mit dem vorgenannten Punkt steht die Frage nach den zu verwendenden Unterlagen. Auch hier gibt es keinen stets zielführenden „Blueprint“ zum Traumexamen. Dafür ist die Auswahl schlicht zu groß. Ob Kurzskript oder Großlehrbuch, Aufsatz oder Übungsfall, JuS oder JA, Podcast oder Lernvideo – (gute) Lernunterlagen sind en masse vorhanden. Die wesentliche Aufgabe der Examensvorbereitung ist es, richtig zu filtern. Wichtig ist dabei vor allem eines – Selbstvertrauen. Klar, gute Tipps können sehr wertvoll sein, aber man sollte sich nicht verunsichern lassen, wenn man von allen Seiten das eine Lehrbuch angepriesen bekommt, selbst aber damit gar nichts anfangen kann. „Geheimwissen“ gibt es nicht, die relevante Studienliteratur deckt im Wesentlichen denselben Stoff ab. Es gilt herauszufinden, welche Art der Aufbereitung eben jenes Stoffs für die eigene Vorbereitung am besten geeignet ist.

Dafür muss man sich selbstredend erst einmal ansehen, welche unterschiedlichen Materialien es überhaupt gibt. Man sollte sich deshalb ausreichend Zeit nehmen, den Markt einmal zu sondieren und einen Überblick zu bekommen. Dies ist aufgrund zahlreicher Online-Angebote und Anschauungsmaterial in der Bibliothek problemlos und kostenlos möglich. Der Zeitaufwand hierfür lohnt sich in der Regel. Sollte die Wahl auf bestimmte Materialien gefallen sein, dann ist zu empfehlen, mit diesen auch konsequent zu arbeiten und nicht ständig hin und her zu wechseln. Die enorme Menge an Ausbildungsliteratur ist keine Entschuldigung, alles „ein bisschen“, ergo halbherzig durchzuarbeiten, um zumindest mal „alles gesehen zu haben“. Zusammenfassend sei daher gesagt: es ist entscheidend, wie mit den Unterlagen gearbeitet wird, nicht mit welchen.

 

5. (Frei-)Zeitgestaltung

Direkt vorab zu diesem Abschnitt: Horrorgeschichten von Studierenden, die in der Examensvorbereitung über 1,5 Jahre hinweg jeden Tag bis tief in die Nacht in der Bibliothek verbracht haben, sollten zum einen Ohr rein und direkt zum anderen wieder raus gehen. Sie sind frei erfunden. Jeder Mensch braucht Pausen. Nur weil die Examensvorbereitung ansteht, ist dieser Satz nicht weniger wahr. Man sollte sich nicht dazu verleiten lassen, die Examensvorbereitung als eine Art „Endzeitszenario“ zu verstehen, in dem das „normale“ Leben aufhört. Klar gibt es Menschen, die am Tag mehr arbeiten können als andere, aber das sollte nicht zu Verunsicherung führen. Denn letztlich kann man die eigenen Kapazitätsgrenzen ohnehin nur bedingt beeinflussen. Das bedeutet umgekehrt natürlich nicht, dass die Examensvorbereitung ein Zuckerschlecken ist. Sie kann ohne Übertreibung als intellektuell, psychisch sowie körperlich anstrengendste Zeit des Studiums – vielleicht sogar des Lebens (wobei natürlich das 2. Examen nicht außer Acht zu lassen ist) – bezeichnet werden.

Maßstab für die eigene Zeiteinteilung sollten sowohl die eigene Leistungsbereitschaft als auch das eigene Leistungsvermögen sein. Denn es ist offensichtlich, dass für ein zweistelliges Examen mehr Aufwand betrieben werden muss als für „Vier gewinnt“. Es ist aber ebenso offensichtlich, dass nicht alle 14 Punkte schreiben können. Man sollte daher stets bemüht sein, weder zu wenig noch zu viel zu tun. Denn auch ein „zu viel“ kann sich negativ auf die eigene Leistung im Examen auswirken. So empfiehlt es sich etwa, zumindest einen Tag in der Woche frei zu nehmen. Damit behält man einen klaren Kopf und verfällt nicht der Fehlvorstellung, dass Jura alles im Leben ist. Je nachdem, wie viel man bereit ist, an einem Tag zu lernen, kann man seine freien Tage natürlich dementsprechend anpassen. Wer von Montag bis Samstag jeden Tag 6 Stunden (effektiv!) lernt, muss kein schlechtes Gewissen haben, den Sonntag beispielsweise in der Natur zu verbringen. Wenn man jedoch – wie ich – jeden Tag ein bisschen Freizeit haben will und nur bis zu 4 Stunden (effektiv!) lernt, der sollte in Erwägung ziehen, auch an den Sonntagen (zumindest ein bisschen) Zeit für die Examensvorbereitung aufzuwenden.

Wie die Freizeit gestaltet wird, bleibt jedem selbst überlassen. Aus meiner Erfahrung bietet Sport jedweder Art ein sehr gutes Ventil, den über den Tag angesammelten Stress abzubauen.

Umfängliche Urlaubsplanungen über die „Lernwochenfreizeit“ hinaus gestalten sich im Rahmen der Examensvorbereitung naturgemäß als schwierig. Es spricht sicher nichts dagegen, mal eine Woche Urlaub zu nehmen. Man sollte es aber nicht übertreiben und die Examensvorbereitung mit einem Globetrotter-Lifestyle verbinden. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und es ist nicht zu unterschätzen, wie schwer es fällt, nach einer komplett Jura-freien Woche – oder gar zwei Wochen – wieder in den Lernrhythmus zu kommen. Es gilt also: weniger ist mehr. Natürlich klingt das erst einmal ernüchternd. Im Anschluss an die schriftlichen Prüfungen bieten sich aber mehr als genug Möglichkeiten, wochen- oder monatelange Urlaube zu genießen – und das ganz ohne Examen „im Nacken“.

 


Tipps zur Examensvorbereitung

von Johannes Herb und Rudi Lang, wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Bayreuth

 

Man könnte eigentlich meinen, zur Examensvorbereitung auf die (erste) juristische Staatsprüfung sei schon alles gesagt. Zu groß sei die Fülle an kommerziellen und nichtkommerziellen Informationen zum Staatsexamen, als dass Bedarf für eine weitere Abhandlung zu diesem Thema bestehe. Doch weit gefehlt. Immer wieder zeigt sich, dass erhebliche Unsicherheiten bzgl. des Examens vorherrschen. Dies betrifft nicht einmal zwingend die inhaltliche Unsicherheit, die „Angst“ vor dem Examen. Vielmehr ist schon die Herangehensweise, sozusagen die Methodik der Examensvorbereitung für viele ein Buch mit sieben Siegeln und nicht selten ein Stolperstein für eine zügige und „erfolgreiche“ (was als erfolgreich gilt, ist der individuellen Einschätzung überlassen) Examensvorbereitung. So stieß eine von den Autoren und weiteren wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern konzipierte Veranstaltung zur Examensvorbereitung an der Universität Bayreuth trotz (oder gerade aufgrund) pandemischer Bedingungen auf ein zahlenmäßig sehr großes Interesse (weit über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer). Dies diente uns als Bestätigung, dass bei weitem noch nicht „alles gesagt“ ist bzw. zumindest noch nicht für alle verständlich. Mit diesem Beitrag wollen wir einige der unseres Erachtens tragenden Gedanken in leicht „verdaulicher“ Form bündeln und damit einen Überblick über die wesentlichen Bausteine einer erfolgreichen Examensvorbereitung geben.

Dabei erheben wir von vornherein nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr werden wir skizzenhaft unsere Antworten auf brennende Fragen zur Examensvorbereitung präsentieren und uns dabei in mehreren kürzeren Kapiteln die unseres Erachtens ausschlaggebenden Gesichtspunkte beleuchten: Den Anfang macht dabei ein Beitrag zum Umgang mit Examensklausuren. Im zweiten Beitrag werden wir euch unsere Überlegungen und Tipps zum Thema „eigenständiges Lernen“ vorstellen. Der aus unserer Sicht dritte – und besonders bedeutsame – Aspekt „Lerngruppen“ wird hier ausgeklammert und bleibt einer eigenen Darstellung vorbehalten.

Der erste Teil des Beitrags (Klausuren) ist aus der Perspektive von Johannes Herb, der zweite (eigenständiges Lernen) aus Sicht von Rudi Lang geschrieben.

 

Teil 1: Klausuren

In jedem Plan zur Examensvorbereitung sollte das Klausurenschreiben eine zentrale Rolle einnehmen. Einerseits haben die sechs schriftlichen Examensklausuren auf die Gesamtnote den größten Einfluss. Andererseits ist das Klausurformat im Gegensatz zum Klausurinhalt keine große Unbekannte. Niemand kann wissen, ob in seinem Termin nun die „längst überfällige“ Arbeitsrechtsklausur gestellt wird. Weitestgehend vorhersehbar ist aber, dass eine gutachterliche Falllösung verlangt wird. Und wie man der Erwartung der Korrektor:in an eine gute Lösung gerecht wird, lässt sich durchaus einüben.

 

1. Menge an Klausuren

So sinnvoll das Klausurenschreiben im Abstrakten erscheint, so nervig ist es teilweise im Konkreten. Eine entscheidende Stellschraube ist daher die Klausurmenge: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ lautet die Devise. Man kann sich dem Thema empirisch und anekdotisch nähern: Eine empirische Auswertung ergab, dass sich jede:r Examenskandidat:in, die sich auf das Klausurenschreiben eingelassen hat, im Laufe der Zeit notentechnisch verbessert hat. Bis zu einer Menge von 40 Klausuren ist belegt, dass – egal mit welcher Ausgangsnote man startet – Übung also wirklich den Meister macht. Dabei muss ich auf zwei Aspekte hinweisen: Erstens ist es nicht so, dass bei mehr als 40 Klausuren der positive Effekt nachlässt. Es gab vielmehr einfach nicht genug Studienteilnehmer:innen mit mehr als 40 Klausuren, um eine valide Aussage treffen zu können. Zweitens ist natürlich auch klar, dass es sich hierbei nur um Korrelationen handelt, nicht zwingend auch um Kausalitäten. Anzunehmen ist beispielsweise, dass Examenskandidat:innen schon allein deswegen im Lauf der Zeit besser werden, weil sie sich schon länger vorbereiten und mehr Stoff gelernt bzw. wiederholt haben. Der empirische Blick legt also nahe, dass es sich lohnt, zumindest 40 Klausuren anzupeilen, erscheint aber nicht zwingend. Aus anekdotischer Perspektive möchte ich aber ergänzen, dass ich noch keine:n Examenskandidat:in getroffen habe, der/die meinte, zu viele Probeklausuren geschrieben zu haben – die nachträgliche Reue, dass mehr Klausuren hilfreich gewesen wären, ist demgegenüber recht verbreitet. Auch wenn man sich überlegt, wie viele Klausuren man braucht, um auch die häufig als unangenehm empfundenen und teils vernachlässigten Nebengebiete (Stichworte: Staatshaftungsrecht, Staatsorganisationsrecht, Familienrecht, Europarecht, Arbeitsrecht) halbwegs zuverlässig abzudecken, wird wohl mit einer Größenordnung von ca. 40 Klausuren nicht schlecht fahren. Bei einer (eher kurzen) Examensvorbereitung von einem Jahr bedeutet das also jede Woche eine Klausur und zwölf Wochen, an denen man pausieren kann. Das ist machbar! Damit es nicht zur zeitlichen Überforderung führt, sollte man aber auch wirklich kontinuierlich und idealerweise (vor allem wenn man sich nur ein Jahr nimmt) von Beginn der Examensvorbereitung an die wöchentliche Klausur einplanen. Wer dagegen im Hauruck-Modus in den letzten Monaten vorm Examen versucht, die Klausur-Schlagzahl deutlich zu erhöhen, läuft nicht nur Gefahr, die wertvolle letzte Phase der Stoffwiederholung zu überfrachten, sondern auch seinen Arm zu überstrapazieren: Eine Sehnenscheidenentzündung ist eklig und heilt zudem nur schnell aus, wenn man den Arm konsequent schont – Klausurenschreiben kann man dann ganz abhaken.

 

2. Wie komme ich an Klausuren heran?

Die meisten Universitäten bieten einen kostenlosen, wöchentlichen Klausurenkurs an, häufig auch mit ehemaligen Originalklausuren. Die Teilnahme daran kann ich nur empfehlen. Wer darüber hinaus Examensfälle sucht (etwa für die Lerngruppe oder zum eigenständigen Schreiben/Gliedern), wird vor allem in (Ausbildungs-)Zeitschriften fündig. Neben den klassischen, kostenpflichtigen, aber in jeder Bibliothek verfügbaren Kandidaten JuS, JA und JURA möchte ich insbesondere noch die Zeitschrift für das Juristische Studium (zjs-online.com) empfehlen: Sie hat den Vorteil, vollständig open access zu sein und bietet auch qualitativ ansprechende Lösungen, mitunter auch von Originalklausuren. Für das öffentliche Recht lohnt sich zudem der Blick in die Bayerischen Verwaltungsblätter (BayVBl); dort finden sich nämlich (mit dreijähriger Verzögerung) die bayerischen ÖR-Originalklausuren inklusive eines authentischen Lösungsvorschlags der Klausurersteller:in. Gerade diese Klausurlösungen kann man auch dazu verwenden, um sich mit dem Erwartungshorizont im Examen vertraut zu machen. Hilfreich, besonders im Hinblick auf die Klausurtechnik, ist zudem die Studentische Zeitschrift für Rechtswissenschaft (StudZR), weil sie gelungene studentische Lösungen – ergänzt um Korrekturen und Verbesserungsvorschläge – abdruckt.

Anders als auf Zeitschriften habe ich auf Fallbücher nur selten zurückgegriffen. Das liegt zum einen daran, dass ich teils den Eindruck hatte, dass es der/dem – akademischen – Autor:in mehr darum ging, ihre (vermeintlich) besonders gelungene dogmatische Lösung zu präsentieren als dem Erwartungshorizont des Examens zu entsprechen. Zum anderen sind Fallbücher häufig nach Rechtsgebieten aufgeteilt (z.B. nur Schuldrecht/Sachenrecht), Examensklausuren prüfen demgegenüber oft gerade die Schnittstellen zwischen den einzelnen Gebieten ab: etwa vom Einspruch gegen das Versäumnisurteil über die kaufrechtliche Gewährleistung zu § 377 HGB (so die erste Klausur BY im Termin 2018/I). Solche Konstellationen sind in Fallbüchern in meinen Augen eher unterrepräsentiert.

 

3. Klausurnachbereitung

Wer den zeitlichen Aufwand einer Probeklausur mit fünf Stunden ansetzt, vergisst einen entscheidenden Part: die Nachbereitung. Jede Klausur sollte, auch wenn einem die Korrektur (berechtigter- oder unberechtigterweise) unbrauchbar erscheint, nachbereitet werden. In Minimalform besteht die Nachbereitung darin, die Besprechungsveranstaltung zu besuchen und/oder die Musterlösung durchzuarbeiten und mit der eigenen Arbeit zu vergleichen. Dabei auftretende Verständnisschwierigkeiten können am besten mit einem Lehrbuch ausgeräumt werden (der Blick in Kommentare ist meist entbehrlich). Darüber hinaus kann es sich lohnen, die eigenen Klausuren zu erfassen: Ich habe etwa eine Excel-Tabelle angelegt und mir notiert, welche Themen abgefragt wurden. So kann man sicherstellen, dass man die wichtigsten Rechtsgebiete/Probleme schon abgedeckt hat bzw. die Lücken gezielt schließen. Auch bietet es sich an, die zentralen Korrekturbemerkungen zu notieren. Dadurch werden größere Zusammenhänge sichtbar und man bekommt ein Gespür für seine klausurübergreifenden Stärken und Schwächen (Wird z.B. wiederholt die Schwerpunktsetzung bemängelt, andererseits aber das methodenorientierte Vorgehen gelobt?). Ob man auch die Note festhält, ist Geschmackssache: Während die eine ein positiver Trend motiviert, ist der andere ggf. von einem (erneut) schlechtem Resultat frustriert. In der Tendenz ermöglicht eine Erfassung aber natürlich eine realistische Selbsteinschätzung.

 

4. Probeexamen

An vielen Jura-Fakultäten, auch an der Uni Bayreuth, wird ein Probeexamen angeboten. In meinen Augen ist es sehr sinnvoll, daran zumindest einmal vollständig teilzunehmen. Das Probeexamen hat eine Reihe von Vorteilen: (1.) Es werden üblicherweise aktuelle Originalklausuren gestellt, wodurch man einen authentischen Eindruck davon bekommt, was einen im Examen erwartet. (2.) Das Probeexamen wird in der gleichen Zeitspanne von knapp zwei Wochen geschrieben wie das richtige Examen. Dadurch kann man für sich selbst feststellen, wie stark man nach mehreren Klausuren ausgelaugt ist, ob es beispielsweise realistisch ist, nach den Klausuren noch Stoff zu erarbeiten und wie man psychisch (z.B. guter/schlechter Start in die Klausuren) sowie physisch (etwa Handprobleme) mit der Situation zurechtkommt. (3.) Häufig (und auch in Bayreuth) wird das Probeexamen von Praktiker:innen korrigiert, die im richtigen Examen prüfen. Die Noten entsprechen also auch einem authentischen Korrekturmaßstab. Für mich ist das Probeexamen der aussagekräftigste Indikator für das Examen: Schlechter wird es sehr selten, meistens entspricht das Ergebnis (plus bis zu zwei/drei Punkte) dem aus dem richtigen Examen.

 

5. Umgang mit unbekannten Normen

Ein Aspekt, der viele Examenskandidat:innen abschreckt, ist die Vorstellung, dass man in Klausuren mit unbekannten Vorschriften konfrontiert wird. In Wahrheit sollte man für solche Klausuren aber dankbar sein, weil sie darauf ausgelegt sind, Verständnis statt Wissen abzuprüfen. Gerade deswegen sind sie auch besonders beliebt bei Prüfungsämtern; vor allem im öffentlichen Recht kann man mit solch einer „wilden“ Klausur fast schon rechnen.

Der erste Schritt, wie man einen derartigen Fall – z.B. bei mir Feuerwehrrecht – in den Griff bekommt, ist das Mindset: Man muss sich klar machen, dass nichts Unmögliches verlangt wird. Das bedeutet insbesondere, dass man auf sein Verständnis aus dem Pflichtfachstoff (hier: Gefahrenabwehrrecht, in Bayern also PAG und LStVG) zurückgreifen kann. Außerdem kann man sich sicher sein, dass für die Lösung kein besonderes Detailwissen erforderlich sein wird, sondern regelmäßig sorgfältiges Lesen und solide Auslegungsarbeit genügen.

Dementsprechend sollte man sich in einem zweiten Schritt die Zeit nehmen, um sich mit den neuen Normen vertraut zu machen. Bei einem unbekannten Gesetz kann dazu z.B. dessen Inhaltsverzeichnis einen wertvollen Überblick verschaffen.

Im dritten Schritt vergleicht man die Regelung mit dem gewohnten Terrain des Pflichtfachstoffs: Einerseits gilt es zu klären, in welchem Verhältnis die beiden Normenbestände zueinanderstehen (z.B. ob es ein lex specialis gibt, das die Anwendung allgemeinerer Normen sperrt). Andererseits muss man sich überlegen, ob die Probleme, die einem etwa aus dem LStVG (Bsp.: Störerauswahl) bekannt sind, übertragbar sind.

Behält man diese Überlegungen im Hinterkopf, meistert man auch diesen Klausurtyp!

 


Renzension "Vollbefriedigend"

Unsere Redakteurinnen Judith Witt und Lena Bitz haben den Jura-Roman „Vollbefriedigend“ von Prof. Dr. Tonio Walter (Verlag Königshausen & Neumann, ISSN: 978-3-8260-6742-6, September 2020) unter die Lupe genommen. Da uns der Verlag zwei Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt hat, haben wir uns dafür entschieden, jeweils den Eindruck einer Studentin in der Grundphase und den einer Studentin in der Examensvorbereitung abzubilden.

 

Zum Inhalt

Thomas beginnt gemeinsam mit seinen Freunden das Studium der Rechtswissenschaft an einer süddeutschen Universität. Sowohl an der Fakultät als auch in der Stadt spielen sich bemerkenswerte Dinge ab: ein Skandal um illegale Medikamenten-Versuche, in den auch so mancher Professor der juristischen Fakultät verwickelt zu sein scheint; Erpressungsversuche eines Unbekannten, der diesen Skandal öffentlich machen will und Affären von Dozenten mit ihren Studentinnen.

 

Kritik von Lena

Der Titel des Romans von Tonio Walter verspricht der Leser:in zwei Dinge: spannende juristische Probleme und anrüchige Affären der handelnden Charaktere. Außerdem lässt sich, zugegebenermaßen unbegründet, ein schlechter Juristenhumor befürchten. Aber kann der Titel sein Versprechen halten?

In die spannende Hintergrundgeschichte des Romans, dem Impfskandal am Universitätsklinikum, sind verschiedene Charaktere der juristischen Fakultät verwoben. Diese sind auf ihre Art charmant überzeichnet und bringen den juristischen Leser zum Schmunzeln, der sich unwillkürlich an die Eigenheiten seiner (ehemaligen) Fakultätsangehörigen erinnert. Auch das Fakultätsleben als solches wird mit einem Augenzwinkern realitätsnah abgebildet: von der Fakultätsratssitzung über Rivalitäten und Seilschaften im Professorium bis zu den selbstdarstellerischen Unterhaltungen mancher Kommiliton:innen. Es bleibt unklar, welche Geschichte eigentlich erzählt werden soll, da sich die verschiedenen Fäden zwar berühren, aber doch nicht ganz zusammenlaufen wollen. Trotzdem ist die Geschichte stimmig und lebhaft.

Die im Roman dargestellten juristischen Probleme – allen voran diejenigen, die die Menschenwürde betreffen – sind keinesfalls neu, aber trotzdem spannend in die Erzählung eingewoben. Die durch die Charaktere eingebrachte Argumentation ist vielseitig und nachvollziehbar. Die meisten geschilderten (Vorlesungs-)Fälle sind bekannt und bewährt; aber auch einige unbekannte Fallgestaltungen regen zum Mitdenken an.

In puncto Sexualität verfehlt der Roman jedoch sein Versprechen. Ich hätte mir interessante Affären und wilde Liaisons gewünscht. Affären gibt es viele – insbesondere zwischen Personen, die sich nicht auf Augenhöhe begegnen. Sie werden aber nur recht oberflächlich abgehandelt. Der Roman bleibt immer dann zu brav, wenn es eigentlich interessant wird. Mit viel gutem Willen könnte man vielleicht meinen, dass diese Ausführungen dem Vorstellungsbild des Lesers überlassen sind, aber andererseits bleibt dem Leser vieles nicht erspart: Die Figuren bewegen sich mit einem übersexualisierenden Blick durch die sie umgebende Welt. Ihre Gedanken sind dabei oft so stumpf und eindimensional, wie diejenigen eines 13-jährigen Teenagers, der sich seiner Hormone nicht erwehren kann. Schade!

In erfreulichem Widerspruch dazu steht die Diktion des Romans: Das Auftreten der einzelnen Persönlichkeiten wird – ihren Charakterzügen entsprechend – mit verschiedenen Schreibstilen skizziert. Dabei fließen die Umschreibungen der Umgebung über in die Gedanken der handelnden Person und wieder zurück. In meinen Augen eine interessante Perspektive, an die man sich nach einer anfänglichen Verwirrung schnell gewöhnt und die die überzeichneten Figuren ein wenig greifbarer macht. Getrübt wird der insgesamt gelungene Ausdruck jedoch durch einige Formulierungen, die auf den juristischen Leser wohl wie ein Insider wirken sollen – aber tatsächlich nur den Lesefluss stören; zum Beispiel die gehäufte Verwendung von „in Verbindung mit“, das in Verbindung mit den darauffolgenden alltäglichen Schilderungen ein wenig zu gewollt erscheint.

Insgesamt hat Tonio Walter mit „Vollbefriedigend“ eine spannende Geschichte geschrieben, die für juristische, aber auch nicht-juristische Leser durchaus fesselnd sein kann. Wer die sexualisierende Brille, durch die die Figuren ihre Umwelt wahrnehmen, ignorieren kann, dem ist die Lektüre zu empfehlen. Mir hat die Brille jedenfalls viel Freude genommen.

 

Kritik von Judith

Wie schon erkennbar, handelt es sich um eine durchaus spannende Story, die allerdings sehr viele Handlungsstränge auf einmal beinhaltet. Obwohl am Ende vereinzelt Verknüpfungen sichtbar werden, wirkt die Geschichte dadurch etwas verworren und überfrachtet.Recht irritierend ist die permanente Übersexualisierung sämtlicher Charaktere und die Einarbeitung zahlreicher Klischees, bei denen am Ende unklar bleibt, ob sie nun satirisch oder ernst gemeint sind. Dem Leser wird dadurch oft eine Sicht der Dinge aufgezwungen, die er eigentlich nicht einnehmen möchte. Auch werden die Sexszenen zwar häufig vulgär, aber ziemlich platt geschildert, sodass das Potential des Titels nicht wirklich ausgenutzt wird.

Positiv hervorzuheben sind die realistische Darstellung der Hauptfiguren und ihrer Probleme zu Beginn des Jura-Studiums. Partys, die aus dem Ruder laufen, vergeistigte Dozenten, unerfreuliches Mensa-Essen – all das wird durchaus realistisch und humorvoll dargestellt. Insbesondere die Erfahrungen der Hauptfiguren mit der Deutschen Bahn sind nur allzu lebensnah geschildert. Auch die Charaktere der verschiedenen Professoren sowie die Einblicke in ihren Umgang miteinander, zum Beispiel in der Sitzung des Fakultätsrats, bereichern das Buch. Sprachlich ist der Stil zum Teil etwas langatmig und wartet mit einigen Schachtelsätzen auf; der ein oder anderer Wortwitz hat mich jedoch durchaus zum Schmunzeln gebracht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Autor eine fesselnde Geschichte geschrieben hat, die mit juristischen Anspielungen gespickt ist und er durchaus hin und wieder Humor beweist. Allerdings wird der Lesespaß durch die permanente Übersexualisierung deutlich getrübt, sodass das Buch insgesamt nur bedingt empfehlenswert ist.

 


 

Eröffnungsblog BayZR

Portaitbild, Prof. Dr. Carsten Bäcker

Professor Dr. Carsten Bäcker eröffnet unseren neuen Blog. Anders als in der Zeitschrift an sich ist der Blog nicht nur für studentische Stimmen offen. Wir freuen uns über Beitragsvorschläge aller Art! Alle Blogbeiträge lassen sich in unserem Blog-Archiv nachlesen.

Zitiervorschlag: Bäcker, Carsten: Vom Studium der Rechtswissenschaft, BayZR-Blog, 5.5.2021, DOI: 10.15495/ojs_27478289_11_215.

Vom Studium der Rechtswissenschaft

Was ist es, was das Studium der Rechtswissenschaft in seinen ersten Wochen und Monaten prägt? Es lassen sich allgemeine und besondere, auf das Studium der Rechtswissenschaft bezogene Faktoren unterscheiden. Die allgemeinen sollen an dieser Stelle nicht näher interessieren, immerhin wird hier rechtswissenschaftsintern gebloggt. Sie seien aber doch mit dem unbestimmten Merkmal eines endlich verspürten Endes der Adoleszenz umrissen; eine herrliche Finalität, die sich neben einem anfangs absoluten Freiheitsempfinden zusehends mit Selbst- und dann irgendwann auch Fremdverantwortlichkeitsideen verweltlicht. Es stimmt traurig, wenn es für gegenwärtige Studienanfänger, in der Rechtswissenschaft wie in jeder anderen Disziplin, an den Möglichkeiten des Gebrauchmachens der im Regelfall schon vollendeten oder doch in Vollendung begriffenen Adoleszenz wie überhaupt an der Möglichkeit zum Erreichen und Erproben derselben weitgehend fehlt. Düstere Naturen könnten hinzufügen: So wie früher, als Gelegenheiten dazu reich gesät waren, wird es ohnehin nie wieder werden – allerdings gilt dieser resignierende Satz ja doch immer, ohne schon immer zu stimmen; und nicht immer und sicher nicht in jeder Hinsicht ist es schlecht, wenn es nicht mehr genau so wird wie früher; und überhaupt weiß ja niemand je, was die Zukunft bringt, derzeit wohl noch weniger als in den Jahren und Jahrzehnten zuvor in unseren Gefilden.

Was nun die besonderen Faktoren angeht, die den Studienanfänger der Rechtswissenschaft prägen, so ist einige Veränderung zu erkennen (mit dem Blick auf die vergangenen gut zwei Jahrzehnte, die der Autor übersehen kann). Vieles blieb aber auch gleich. So wird man sich, heute wie damals, über einige seiner Kommilitonen rechtschaffen wundern (wobei diese immerhin heute weniger als noch vor der Jahrtausendwende als solche bezeichnet werden mögen, hat alles Militaristische doch inzwischen einen noch etwas gestrigeren Klang). Momentan setzt das freilich voraus, daß man seine Kommilitonen denn wenigstens virtuell erleben kann (was durch den Hang zur schwarzen Zoom-Kachel einigermaßen erschwert wird). Noch immer wird man den anfangs reichlich unübersichtlichen Lehrkörper der Fakultät mit seinen Professorinnen und Professoren erst nach und nach kennen lernen; noch immer wird man in nahezu jedem Semester erneut auf jemanden aus dieser Weite stoßen können, den man bisher nicht kannte, und noch immer wird man manchen Rechtslehrer und (weniger wahrscheinlich) manche Rechtslehrerin im gesamten Studium überhaupt nie zu Gesicht bekommen. Man wird sich, heute wie damals, bisweilen wundern über deren jeweilige Marotten, namentlich in der Lehre. Jenseits dieser personenbezogenen Irrungen und Wirrungen wird man sich aber vor allem fragen, heute wie damals, was man da eigentlich studiert für ein Fach; ein Fach, welches bei so viel abstraktem Wissen und nicht weniger methodischem Ungewissen die gutachterliche Fallbearbeitung in den Vordergrund stellt – von Anfang an mit dem verbissenen Blick auf dieses Examen, dessen vornehmlich aus Klausurleistungen zusammengesetzte Note über Wohl und Wehe des Absolventen einst in numerischer Kälte entscheiden wird (wie man sich schon früh im ersten Semester wissend zuraunt).

Im prüfungsrechtlich geordneten Weg zum Examen sind nun aber doch wesentliche Unterschied zu früheren Zeiten zu bemerken: Es gab, jedenfalls in meinem Studium, noch keine Zwischenprüfung; fallgutachterliche Klausuren wurden erst ab dem dritten Semester im Rahmen der kleinen Übungen ein echtes Thema (die eigentümliche Gutachtentechnik konnte man sich daher auf der Grundlage einer gewissen, zwei- bis dreisemestrigen Grundkenntnis des Fachs sowie in den darauf ausgerichteten kleinen Übungen erst allmählich und geduldig angeleitet aneignen, bevor man sie beherrschen mußte); und im Examen war ein erklecklicher Bestandteil der schriftlichen Gesamtleistung eine Hausarbeit im sog. Wahlpflichtfach, einem in der Gesamtnote versteckten Vorläufer des universitären Examenselements im Schwerpunktstudium, der sich aus früheren Tagen des rechtswissenschaftlichen Studiums mancherorts in die Gegenwart des Studiums der Rechtswissenschaft hatte retten können.

Gemütliches, prozeßbezogenes Studieren links und rechts des Weges mit dem fernen Höhepunkt des Examens geht heute jedenfalls so nicht mehr. Ein Klausurzeitraum jagt den nächsten, der Blick geht geradeaus, Ergebnisse müssen her. Emsigere Naturen mit einer gewissen Kondition und Selbsthärte werden sich daran wenig stören. Sie werden sich vielmehr herausgefordert sehen, befördert durch das herrschende (Zwischen-)Prüfungsrecht, sich umgehend an das Erlernen der (und nur der) prüfungsrelevanten Kenntnisse zu machen, die geforderte Fallgutachtentechnik rasant zur Meisterschaft zu bringen und das examensrelevante Wissen um das geltende Recht von Anfang an zu akkumulieren. Zur zielstrebigen Klausurvorbereitung trägt im Grunde nicht einmal der Besuch der grundständigen Vorlesungen wirklich bei, jedenfalls gefühlt; abseits des direkten Weges liegende Veranstaltungen, soweit sie nicht irgendwie pflichtig sind, halten da nur auf. Sie lenken den eisernen Blick vom zu maximierenden Examensergebnis nur irrlichternd ab. Vorzuwerfen ist eine derartige, vollkommen rationale Einstellung zum durchgetakteten Studium keinem Studierenden. Und doch leidet das Studium im Normalfall in Breite, Tiefe und Freude darunter, und insofern notwendig auch in der Qualität seiner Absolventen – wenn man sie nicht nur an der Note, sondern an der Breite und Tiefe ihrer rechtswissenschaftlichen (Aus-)Bildung und der Freude an ihrer Profession messen würde.

Dem Takt gebeugt oder nicht: Viele entdecken irgendwann, mal früher, mal später, mal wieder, daß Jura zu studieren mehr ist, als sich nur auf das Examen vorzubereiten. Tragisch wird es freilich, auch für das Fach, wenn diese Erkenntnis sich erst nach dem Examen oder gar dem desillusionierten Wechsel des Studienfaches einstellen will. Denn das Studium der Rechtswissenschaft, wie es an der Bayreuther Universität und auch andernorts angeboten wird, ermöglicht es eigentlich doch in allerschönster Weise, das Recht als ein besonders wirkmächtiges und ausgestaltetes System der uns umgebenden Welt als solches freudvoll zu erkennen – mit seinen Grundlagen und Grenzen. Zugleich bietet gerade das rechtswissenschaftliche Studium Möglichkeiten, der dräuenden Fachidiotie schon frühzeitig einigermaßen vorzubeugen. Die klassischen juristischen Grundlagenfächer sind durchgehend mit anderen Disziplinen verwoben, wie sich schon in ihren Bezeichnungen zeigt: Rechtsgeschichte, Rechtssoziologie, Rechtsphilosophie sind bereits ihrem Gegenstand nach interdisziplinär; nichts anderes gilt für die Verfassungsgeschichte und die Allgemeine Staatslehre. Hier wird vom disziplinären Tellerrand der Rechtswissenschaft aus in die (nahe) weite Welt geblickt. Auch die Rechtsvergleichung erweitert den Blick heilsam, über die Grenzen unserer Rechtsordnung hinweg. Und im Schwerpunktstudium, von den meisten noch vor dem Examen (womit unscharf allein der staatliche Teil der Prüfung bezeichnet sei) angegangen und absolviert, fächert sich das Fach auf – an der Bayreuther Universität vom Studium des Internationalen Rechts mit seiner ganz eigenen Logik über diverse Vertiefungen wirtschaftsbezogener Rechtsgebiete, die den Markenkern unserer Fakultät bedienen, bis hin zu historischen wie theoretischen Kontexten der Menschenrechte bestehen einige Möglichkeiten, das Fach zugleich rechtswissenschaftlich wie (unterschiedlich) weit jenseits des Examensstoffes bereichsspezifisch zu vertiefen.

Auf dem Weg vom ersten Semester zum Examen haben die Studierenden also jedenfalls in den Grundlagenfächern und in den Schwerpunktbereichen verschiedene Gelegenheiten, sich in freierer Annäherung als in einer gutachterlichen Falllösung, sei sie auch durchaus anspruchsvoll in Hausarbeitsgestalt zu erbringen, mit dem Recht zu beschäftigen. In den Grundlagenfächern kann die eigene Befähigung in die Breite, im Schwerpunktstudium in die Tiefe ausgeweitet werden, was beides mit einer Steigerung der Freude am Fach einhergeht. Das gilt auch für die Zusatzausbildungen (WiWiZ, TeWiZ, DigiZ), in denen Grundkenntnisse anderer Disziplinen verwoben mit dem Studium des Rechts erlangt werden können. Rechtswissenschaft aber kann vor allem in kleinen Seminaren erlernt und in den Oberseminaren erprobt werden, wenn es gilt, sich in eigener Autorenschaft intensiv und kreativ mit einer spezifischen Fragestellung wirklich selbst zu beschäftigen, eigene Gedanken zu bilden und zu vermitteln. In diesen Seminaren entsteht, heute wie früher, ein Fundus an klugen, spannenden und innovativen Überlegungen – die bis dato neben den Prüfern bestenfalls einem kleinen Publikum innerhalb des Seminars präsentiert werden konnten. Hier klafft eine bedauernswerte Lücke. Die studentische Rechtswissenschaft hat kein eigenes Forum.

In Bayreuth hat sich das nun geändert; und zwar, wie es nicht anders hätte sein dürfen, auf studentische Eigeninitiative hin. In der Bayreuther Zeitschrift für (studentische) Rechtswissenschaft, deren erster Band gedruckt wie digital vorliegt, können diese Arbeiten nun endlich einer geneigten Öffentlichkeit präsentiert werden. Und zwar in studentischer Regie. Diesem wunderbaren Projekt ist der Erfolg zu wünschen, den es verdient; und das ist ein großer. Das oder der Blog, der oder das hiermit eröffnet wird, mag diesen Erfolg begleitend fördern und steigern – dafür freilich braucht es Beiträge. Zum Einreichen derselben sei hier herzlich aufgefordert – und zum Start des Projekts BayZR alles, alles Gute gewünscht!

 

Carsten Bäcker